Was ist unter Lebensphilosophie zu verstehen?

Der besondere Reiz an einer Beschäftigung mit der Lebensphilosophie ist für mich mit dem Interesse für das verbunden, wofür es keinen Ersatz gibt – das individuelle Leben, wozu die Visionen und Widerstände, die ein gutes Leben von einer angepassten Existenz deutlich unterscheiden.

 

Die Lebensphilosophie erscheint aber heute immer noch vielen als höchst verdächtige Erscheinung: Zerstörung der Vernunft, Irrationalismus und Präfaschismus lauten die geläufigsten Assoziationen. Natürlich besteht Grund zum Misstrauen, wenn man sich an nationalsozialistische Philosophieprofessoren erinnert, die die Lebensphilosophie missbrauchten, aber sich Nietzsches Übermenschen als Braunhemd vorzustellen, wäre doch etwas zu naiv. Wer heute noch in solch vereinfachten Schemata denkt, tut den Feinden des Geistes zu viel Ehre an. Lebensphilosophie kann jedoch immer noch faszinieren, denn sie beruht auf zweierlei: Zum einen lehrt sie, dass die Philosophie Reflexionen nur von Wert ist, wenn sie dem Leben dienlich ist.[1] Hier nur den Primat der Vernunft zu sehen, ist m. E. unberechtigt. Was nützen Rationalitätsbeschwörungsformeln und Logikgläubigkeit, die so rational wie sie sich geben gar nicht sind und Phänomene eher verdecken als aufklären. Dagegen zeigt die Lebensphilosophie Wege auf, die die Wege der Unhintergehbarkeit des Erlebens aufdecken.[2] Irrationalität ist aber tatsächliche eine Größe in der Lebensphilosophie und dies schon allein aus dem menschlichen Leben heraus, welches sich nicht nur mit Verstandesbegriffen allein beschreiben lässt.[3]

 

Für die Lebensphilosophie war Georg Lukács, der in seinem 1953 erschienen Buch Die Zerstörung der Vernunft, Der Irrationalismus von Schelling zu Hitler nachzuweisen versuchte, dass die Lebensphilosophieeine Wegbereiterin des Nationalsozialismus gewesen sei. Leider verstellte dieses Buch lange Zeit die Aufarbeitung des Themas Lebensphilosophie und Nationalsozialismus. Die Nationalsozialisten lehnten die Philosophie von Simmel und Bergson  – beide waren Juden – als undeutsch ab. Theodor Lessing wurde 1933 in Marienbad von sudetendeutschen Nationalsozialisten ermordet und Georg Misch floh als Jude 1939 nach England. Ludwig Klages ging bereits 1915 in die Schweiz wegen des Weltkriegs. Allerdings finden sich bei ihm auch ein paar verdächtige Stellen. Diese Andeutungen sollen an dieser Stelle genügen.

 

Man kann sich mit „gutem Gewissen unseren Sinnen und unseren sinnlichen Lebenserfahrungen wieder trauen und auf ihrer Basis durch gründliche Besinnung zu einem tieferen und philosophischen Lebenswissen zu gelangen: das ist, knapp formuliert, das Anliegen der Lebensphilosophie. Denn Lebensphilosophie ist wesentlich Lebensbesinnung auf der Basis von (möglichst) unmittelbarer Lebenserfahrung.“[4]

 

Die Lebensphilosophie hatte ihre Blütezeit von ca. 1880-1930 und nach der ersten großen Katastrophe des Ersten Weltkriegs gehörte nicht mehr sie, sondern die Existenzphilosophie zum guten Ton. Mit ihre Kälte und hoffnungslosen Ungeborgenheit des menschlichen Daseins wurde sie salonfähig und man begann  die Lebensphilosophie mehr und mehr zu verachten und beiseite zu lassen. Nach den Leistungen der Existenzphilosophie zeigten sich aber auch ihre Grenzen. Daher ist es nicht verwundernd, dass die Lebensphilosophie in der Gegenwart wieder auf neues Interesse stößt. Denn der Angst und Sorge in der Existenzphilosophie, steht ihr Vertrauen und Hoffnung auf der Seite der Lebensphilosophie gegenüber.

 

Die Lebensphilosophie sieht sich auch als eine Angrenzung von der traditionellen Schulphilosophie her. Ihr Vorlauf entstand in der Zeit der Romantik als Friedrich Schlegel seine Vorlesungen über die Philosophie des Lebens 1827 in Wien hielt. Weitere Vordenken waren A. Schopenhauer, C. G. Carus und F. Nietzsche. Lebensphilosophen im eigentlichen Sinn waren dann W. Dilthey, G. Simmel, H. Bergson und L. Klages.[5]

 

Was aber genau ist der Gegenstand der  Lebensphilosophie? Philosophiert wird über den Begriff des Lebens als eigentümlicher Gegenstand, sowie über das Leben selber, wobei die Gegensatzpaare „Sein und Leben“ und „Verstand und Leben“ eine wesentliche Rolle in der Lebensphilosophie spielt. Leben ist Bewegung, Werden und somit immer im ständigen Fluss und kein starres Sein.[6] Die heraklit‘sche Bestimmung bildet sozusagen den Grund aller Lebensphilosophie.[7] Bei Nietzsche ist das Werden Selbstzweck und nicht Mittel zu etwas anderem, außerdem ist es zweckfrei und impliziert kein Ziel.[8] Zeit als erlebte Zeit unseres Lebens und das Hinüberfließen von einem Augenblick zum anderen werden in der Lebensphilosophie analysiert. Das Leben ist ein ständiger Strom.[9] Bewusstsein ist punktuell und das Leben kontinuierlich.[10]

 

Bergson analysiert besonders das Gedächtnis, was im Kontext von Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt und dann sich bis in die Zukunft erstreckt.[11] Der Begriff der Erinnerung bildet die Grundlage zu einem Verhalten in der Gegenwart zur Vergangenheit. Bei Nietzsche die Bedrohung einer immer größer werdender Vergangenheit.[12]

 

Das Leben ist zwar im Fluss, dennoch ist es von „körniger“ Struktur, was durch den Begriff Erlebnis ausgedrückt wird. Dilthey nimmt dazu das Beispiel des Todes eines geliebten Menschen, bei dem einige Faktoren zusammenkommen (Wahrnehmung, Schmerz, Trauer usw.) und bildet so ein abgegrenztes Ganzes.[13]

 

Entscheidend dafür sind die Begriffe Explikation (Leben zerlegt sich einzelne Bestandteile und Implikation (Leben wird dann wird wieder neu zusammengesetzt; „implizieren“). Alle Erlebnisse stehen im Fluss der Zeit und bilden die Einheit eines Lebensverlaufs.[14]

 

Ferner sind die Begriffe Kraft (in quasi physikalischer Bedeutung) und Bedeutung wichtig. In den Begriffen Kraft und Bedeutung liegt die ganze Dynamik des Lebens. Natürlichkeit des Geschehens bestimmt das Leben, aber auch Sinn, Wert, Zweck.[15]

 

Das Leben ist zwar kontinuierlicher Fluss, muss aber doch ein grenzbestimmtes Ich sein. Dazu entwickelt Simmel den Begriff der Grenze.

 



[1] Vgl. Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung.

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993. S. 9.

[2] Vgl. ebd. S.10.

[3] Vgl. Bollnow, Otto F.: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. Schriften Bd. IV. Hg. v.

Ursula Boelhauve u. a. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009. S. 17.

[4] Kozljanic, Robert J.: Lebensphilosophie. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer 2004. S. 13.

[5] Siehe dazu auch die Übersicht ab S.

[6] Vgl. Bollnow, Otto F.: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. S. 19.

[7] Vgl. ebd. S. 20.

[8] Vgl. ebd. S. 21.

[9] Vgl. ebd. S. 22f

[10] Vgl. ebd. S. 23.

[11] Vgl. ebd. S. 24.

[12] Vgl. ebd. S. 26.

[13] Vgl. ebd. S. 30.

[14] Vgl. ebd. S. 31.

[15] Vgl. ebd. S. 31f.

 

Lebensphilosophie: die Autoren (und ihre für die Lebensphilosophie wichtigen Werke)

 

 

 

I.                    Vordenker

 

 

 

Friedrich Schlegel (1772-1829): 15 Vorlesungen über die Philosophie des Lebens (1827; 1828 erschienen). Wichtig für uns ist die 1. Vorlesung

 

 

Arthur Schopenhauer (1788-1860): Die Welt als Wille und Vorstellung (1818, 2 Bde.)

 

 

Carl Gustav Carus (1789-1869): Psyche, zur Entwicklungsgeschichte der Seele (1846)

 

 

Friedrich W. Nietzsche (1844-1900): Geburt der Tragödie (1872); Also sprach Zarathustra (1883-85) u. a.

 

 

 

 

II.                  Lebensphilosophische Autoren

 

 

 

Wilhelm Dilthey (1833-1911): Das Erlebnis und die Dichtung (1906); Das Wesen der Philosophie (1907); Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften (1910)

 

 

William James (1842-1910): Der Wille zum Glauben (1897); Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden (1907); Das pluralistische Universum (1909)

 

 

Georg Simmel (1858-1918): Schopenhauer und Nietzsche (1907); Rembrandt. Ein kunstphilosophischer Versuch (1916); Der Konflikt der modernen Kultur (1918); Lebensanschauung (1918); Besonders als Einstieg und Überblick geeignet: Brücke und Tür. Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft. Hg. v. Michael Landmann u. a. Stuttgart 1957.

 

 

Theodor Lessing (1872-1933): Untergang der Erde am Geist (1918/1930); Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen (1919/1927); Einmal und nie wieder (1935)

 

 

Henri Bergson (1859-1941): (Wichtig ist im Grunde alles) Zeit und Freiheit, eine Abhandlung über die unmittelbaren Bewußtseinstatsachen (1889/1911). L’evolution créatice“ (dt.: Schöpferische Evolution (Hauptwerk, 1907/1912)) usw.

 

 

Ortega y Gasset (1883-1955): Der Aufstand der Massen (1929/1931); Geschichte als System (dt.: 1943); Das Wesen geschichtlicher Krisen (dt.: 1943)

 

 

Ludwig Klages (1872-1956): (Wichtig ist im Grunde alles) Mensch und Erde (1920); Vom kosmogonischen Eros (1922); Ausdrucksbewegung und Gestaltungskraft (1923); Die Grundlage der Charakterkunde (1926); Der Geist als Widersacher der Seele (1929-32, das Hauptwerk) usw.

 

 

Otto Friedrich Bollnow (1903-1991): Das Wesen der Stimmungen (1941); Die Lebensphilosophie (1958) usw.

 

 

 

III.                 Denker in Fortführung der Lebensphilosophie

 

 

 

Hermann Schmitz (1928-): System der Philosophie (1964-1980; 5 Bde.); Der Leib, der Raum und die Gefühle (1998)

 

 

Gernot Böhme (1937-): Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1985) 

 

 

IV.                Antworten, Rezeption und Kritik auf die Lebensphilosophie

 

 

 

Max Scheler (1874-1928): Versuche einer Philosophie des Lebens (1913); Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1913–1916).

 

 

Oswald Spengler (1880-1936):Der Untergang des Abendlandes (1922, 2 Bde.)

 

 

Heinrich Rickert (1863-1936): Die Philosophie des Lebens. Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit (1920).

 

 

Edmund Husserl (1859-1938): Cartesische Meditationen (1929); Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936)

 

 

Georg Lukács (1885-1971):Die Zerstörung der Vernunft. (Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler; 1954)

 

 

Martin Heidegger (1889-1976): Sein und Zeit (1927)

 

 

Helmuth Plessner (1892-1985): Macht und menschliche Natur (1931)

 

 

Literaturliste zur Lebensphilosophie

 

 

 I.                    Einführende Literatur

 

Albert, Karl: Lebensphilosophie. Von den Anfängen bei Nietzsche bis zu ihrer Kritik bei

Lukács. Freiburg u. a.: Alber 1995.

 

 

Bollnow, Otto F.: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. Schriften Bd. IV. Hg. v.

Ursula Boelhauve u. a. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009.

(Im Gegensatz zu anderen Einführungen, werden hier jeweils die Begriffe der Lebensphilosophie vorgestellt und die

einzelnen Denker anhand ihrer Verwendung dieser Begriffe dargestellt)

 

 

 

Fellmann, Ferdinand: Lebensphilosophie. Elemente einer Theorie der Selbsterfahrung.

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993. (Großartige Einführung aber leider

vergriffen und daher nur noch antiquarisch erhältlich)

 

 

Große, Jürgen: Lebensphilosophie. Leipzig: Reclam 2010.

 

 

 

Kozljanic, Robert J.: Lebensphilosophie. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer 2004.

(besonders empfehlenswert mit kommentiertem großem Literaturverzeichnis)

 

 

 

Lersch, Philipp: Erlebnishorizonte. Schriften zur Lebensphilosophie. Hg. v. Thomas Rolf.

            München: Albunea 2011. (hier besonders: Lebensphilosophie der Gegenwart

(1932)).

 

 

 

II.                  Schriften einzelner Autoren (Auswahl)

 

 

Bollnow, Otto F.: Vom Wesen der Stimmungen. Schriften Bd. I. Hg. v.

Ursula Boelhauve u. a. Würzburg: Königshausen & Neumann 2008. 

 

 

 

III.                Freie Texte im Internet

 

 

Z. B.: Schopenhauer (http://gutenberg.spiegel.de/autor/arthur-schopenhauer-531), Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/autor/friedrich-wilhelm-nietzsche-443), Simmel (http://socio.ch/sim/), Bergson (http://gutenberg.spiegel.de/autor/henri-bergson-1532)

 

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