Zum Begriff Aufklärung

 

Das 18. Jahrhundert wird heute allgemein als das “Zeitalter der Aufklärung“ bezeichnet. Diese Vorgehensweise ist charakteristisch für die Zeit der Aufklärung. Kant, der wohl bedeutendste Philosoph der Neuzeit mit seiner inzwischen berühmten Forderung von 1784 steht auch dafür:

 

,,Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, dich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ [1]

 

Diese Schrift des Königsberger Philosophen ist genau genommen eine ex post Betrachtung der Aufklärung, denn sie begann bereits in den 1680er Jahren. Mitte des 18. Jahrhunderts spricht man auf Grund dieser Erfolge bereits von „aufgeklärten Zeiten“. Die Aufklärung bewegt sich zeitlich zwischen dem vergangenen sogenannten Barock und der kommenden sogenannten Romantik. Besonders stark ist sie durch ein neues Selbstbewusstsein charakterisiert, welches bis dahin noch nicht aufgekommen war.

Aufklärung erstrebt Wahrheit durch Klarheit, sie zielt damit auf die Klarheit des Verstandes, der verbessert werden soll. Das Denken soll nicht mehr nebulös und dunkel sein, sondern mit klaren Begriffen von statten gehen. Die Geister der Zeit glauben an die Errungenschaften der Neuzeit und möchten sie auf das Leben anwenden. Man verzichtet auf Grundlagenforschung, weil man sich sicher fühlt und will breite Kreise mit dem Fortschritt glücklich machen, was zu einer typischen Popularphilosophie führt, sicherlich eine nachteilige Entwicklung, die zur Verflachung beiträgt. Andererseits stellt das angestrebte Bildungsideal, was größeren Schichten einen Zugang zu einem wissenschaftlichen Selbst- und Weltverständnis verhelfen soll, einen Vorteil dar. Die Aufklärung richtet sich gegen Vorurteile und Aberglauben, Fanatismus und Schwärmerei, Affekte und Illusionen. Aufklärung ist quasi Selbstreinigung des Denkens, Desillusionierung und Entemotionalisierung. Neben dieser rationalistischen gibt es noch eine zweite Variante der Aufklärung, nämlich das Selbstdenken, was sich gegen Autoritäten und Denkverbote einschließlich derer aus Faul-, Feig- und Trägheit. Der Mensch soll nicht länger Opfer fremder Mächte sein, sondern ist zur Selbstbestimmung verpflichtet. Gegen die Tradition mit ihren überlieferten weltanschaulichen, kirchlichen und sozialen Verhältnissen standen nun Natur, Mensch und Menschenrechte, Vernunft und Wissenschaft, Humanität und Freiheit und damit völlig neue Schlagworte. Die ,,selbstverschuldete Unmündigkeit“ ist, so Kant, zu überwinden. Die Befreiung zur Freiheit ist hierbei die Richtschnur. Aus diesem Programm wird ersichtlich, dass die Aufklärung im Grunde ein komplexer Vorgang ist, in dem mehrere Aspekte zusammen ablaufen müssen. Eine Gegenbewegung zur Aufklärung entsteht aus dem entmachteten Bürgertum, das an der Tradition der patriarchalischen Lebensführung festhält und dies vom Land bis in die Stadt übernommen hatte Zentral ist dort der autoritäre und tugendhafte Hausvater, der als Garant und Hüter der überlieferten Ordnung gilt. Er bewahrt sein Haus als eine in sich geschlossene Welt. Doch war diese überschaubare Welt im Laufe des 18. Jahrhunderts zerstört worden.[2] Die mit all diesen Intentionen und Forderungen verknüpfte Aufklärung ist nicht so zu verstehen, dass sie sich selbst zureichend verstanden habe. Dieses Selbstverständnis lässt sich jedoch nicht einfach als irrrelevant zur Seite schieben, ebenso auch die mehr oder weniger ausgeprägten Strukturen der Aufklärung.[3]

Zu den Ursachen: 1.) Das gesellschaftliche Verhalten der Menschen ändert sich z. B. dadurch, dass die feudale Gesellschaft zerfällt. Das Bürgertum steigt auf. 2.) Das religiöse Verhalten ändert sich; das christliche Weltbild zerfällt und der wissenschaftliche Rationalismus gewinnt an Bedeutung. Tendenz zur Entchristianisierung und zum Atheismus. 3.) Das Wesen des Menschen ändert sich. Das Selbstbewusstsein bekommt Oberwasser, Selbstdeutung und Selbstreflexion bestimmt den modernen Menschen. Wichtig zu betonen ist, dass diese drei Perspektiven keine verabsolutierenden Totaldeutungen sind. Letztlich sind ein komplexes Geflecht und Situationen für das verantwortlich, was gemeinhin als Aufklärung bezeichnet wird.

 

Eine solche Situation war allem Anschein nach in Zentraleuropa gegen Ende des 17. Jahrhunderts gegeben. Religions- und Bürgerkriege hatten viele alte Strukturen zerstört, am Ende aber die Menschen erschöpft; Kirchen und Könige behaupteten ihre Positionen mehr denn je mit Gewalt, mit physischer geistiger und geistlicher Gewalt, hatten aber mehr und mehr mit Legitimationsproblemen zu kämpfen. Die alten adeligen Eliten besaßen weitgehend nicht die Kompetenz (Ausbildung), um die neuen größeren gesellschaftlichen Strukturen sach- und fachgerecht zu beherrschen; sie degenerierten allmählich zu einem ‹Ancien régime›. Überall wurden wissenschaftliche Entdeckungen gemacht, die das mittelalterliche Weltbild zerstörten, einer geistigen Verunsicherung und einem allgemeinen Glaubensverlust den Weg bereiteten und dabei Aberglauben und Atheismus wachsen ließen. Zwar bestanden Konfessionalismus, Ignoranz und Fanatismus überall fort, aber bei den besten Geistern kam es allmählich zu einer gewissen Ernüchterung und Illusionslosigkeit; auch wuchs der Unmut über die überlieferten Strukturen des Denkens und der Gesellschaft. Dieses Ungenügen entlud sich seit den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts in zunehmenden Invektiven (Beleidigungen M. K.) gegen das herrschende Denksystem oder doch gegen einzelne althergebrachte Meinungen.[4]

 

Besonders die gerade entstandene moderne Wissenschaft hatte das Selbst- u. Weltbewusstsein der Menschen in einer noch nie dagewesenen Weise verändert. Aufklärung ist per se noch keine Wissenschaft, aber sie kann sich dieser bedienen, was im 18. Jahrhundert auch passierte. Besonders nachvollziehbare Beobachtungen (Hochwertigkeit wissenschaftlicher Experimente) kennzeichneten diese neue Wissenschaft. Die Wissenschaftsbegriffe divergieren in dieser Zeit aber schon: einerseits wird Wissenschaft aus Prinzipien betrieben, die ganz ohne Erfahrungen (a priori) auskommt. Andererseits aber die methodisch gesicherte Wissenschaft, die ohne Beobachtungen und Experimente nicht mehr auskommt. Die Philosophie gilt als höchste Wissenschaft, während ihr aber auch gleichzeitig Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen wird. Viele Philosophen und sonstige Gelehrte lehnen die bloße Phänomenverknüpfung ab und betrachten die moderne Wissenschaft als Aberglauben und neuen Götzendienst. Manche ahnen aber auch schon eine Möglichkeit des Missbrauchs der Wissenschaft.

Epochenzusammenhänge der Aufklärung sind etwa Frühe Neuzeit, Emanzipation des Bürgertums, Zerfall des Christentums usw. Wichtige Daten, die die Aufklärung vorantrieben:

England: 1688: „Glorious Revolution“, die das Ende der Religionskriege und des Absolutismus bedeuteten.

Frankreich 1685: Aufhebung des Edikts von Nantes: Der Protestantismus der Hugenotten wird nicht länger toleriert. Das klerikale und absolutistische System stabilisierte sich daraufhin wieder. Dieser Sieg des Katholizismus wird gleichzeitig sein Ende einläuten. Vertreibung und Unterdrückung fördern die Aufklärungsbewegung.

Deutschland 1687: Christian Thomasius (1655-1728) kündigt eine deutschsprachige Vorlesung in Leipzig an. An sich ein unspektakuläres, unpolitisches, provinzielles und akademisches Ereignis. Kurzzeitig war die Hoffnung der Aufklärer als Friedrich II. von Preußen den aufgeklärten Absolutismus einführte und sich immer mehr als Fessel erwies. Jugendproteste und der Sturm und Drang stellten sich dem entgegen, andere Hingegen wenden sich von der Aufklärung ab. Deutsche Herrscher begrüßten zunächst die Französische Aufklärung, fürchteten sie später aber wegen den in ihren Augen allzu großen Freiheitsforderungen. Mit Friedrich Wilhelm II., der 1786 den Thron bestieg, endeten die Hoffnungen auf eine aufgeklärte Politik abrupt, weil er einen restaurativen und antiaufklärerischen Kurs einschlug.

Die Aufklärungsereignisse in England und /oder Frankreich scheinen nach dieser Schilderung als normativ zu gelten; es darf aber keine dieser nationalen Wege zur Aufklärung glorifiziert werden. Die Daten 1685, 1687, 1688 können somit nur als symbolisch verstanden werden, aber es sind eben wichtige Startpunkte für das Vorhaben Aufklärung. Wichtige Gestalten für die Vorbereitung der Aufklärung mit ihren neuen Philosophien waren Francis Bacon (1561-1625; England) und René Descartes (1596-1650; Frankreich), die neue Wege in Metaphysik und Wissenschaft gegangen sind. Der Vorlauf zur Aufklärung fand also im Wesentlichen außerhalb Deutschlands statt.

Das Ende der Aufklärung liegt etwa um 1789 in Frankreich und fällt in Deutschland mit der Spätphilosophie von Immanuel Kant zusammen. Hier schließt sich der Kreis zu Kants Schrift was Aufklärung überhaupt ist. Kant wird ja auch als Vollender der Aufklärung bezeichnet.

Natürlich gab es auch einen Streit um die „wahre“ Aufklärung. Ebenso gab es auch immer eine Kritik an der Aufklärung selbst (berühmt dafür z.B. Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung). Anfangs von der Kirchen, die sich hartnäckig widersetzten und den absolutistischen Herrschern, später aber auch Philosophen und vor allem die Literaten, die die aufklärerische „Nüchternheit“ nicht teilen wollten, was wiederum die Empfindsamkeit (ca. 1720-1790) den literarischen Sturm und Drang (ca. 1765-1785) und die Romantik (ca. 1790-1848) förderte. Ferner gab es, besonders in Deutschland, immer wieder Vorwürfe an die Aufklärung sie sei ungläubig, atheistisch und letztlich nur Schwärmerei. Glaube und Gefühl kämen dabei zu kurz. Schließlich machten in Deutschland Romantik und Restauration der Aufklärung erst ein mal für lange Zeit den Garaus, sodass man meinen musste, es hätte in Deutschland gar keine Aufklärung gegeben. Wer aber hatte das wahre Konzept? Viele behaupteten es zu haben, aber nach der französischen Revolution kam die Aufklärung in Verruf. Als Resümee kann gesagt werden: Es kann im Grunde keine Aufklärung geben, vielmehr muss es einen Reformkurs geben, gleichsam eine stetige aufklärende Aufklärung. Damit ist klar, dass es keine aufgeklärte Aufklärung geben kann. Das Ziel bestimmt sich sozusagen im Prozess.

 



[1] Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In ders.: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik. 1-9. Aufl. Werke in zwölf Bänden. Band XI. Hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991. S. 53.

[2] Vgl. Greverus, Ina-Maria: Der territoriale Mensch ein literaturanthropologischer Versuch zum Heimatphänomen. Frankfurt am Main: Athenäum 1972. S. 285.

[3] Schneiders, Werner (Hg.): Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. München: C. H. Beck 2001. S. 9.

[4] Ebd. S. 13.

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