Geschichte der Philosophie

Geschichte der Philosophie ist gleichzeitig Geschichtswissenschaft und Philosophie. Im Rahmen der Geschichtswissenschaft macht sie uns mit dem Gedanken- und Ideengut der Vergangenheit vertraut. Sie vermittelt uns das Leben, das Werk und die Lehren der einzelnen Denker. Außerdem erschließt sie uns das Verständnis der vorgetragenen Gedanken und Ideen und den Zusammenhang und das Verhältnis untereinander. Die Voraussetzungen und letzten Annahmen werden aufgedeckt, aus denen Begriffe, Probleme und Lehren der Philosophie entstehen.

Angefangen hatte dies alles im antiken Griechenland mit einem neuen Denken, Sprechen und Handeln mit einer neuen Erzählung vom Ursprung der Welt und der menschlichen Gemeinschaft. Hatte man in der Antike und besonders im Mittelpunkt die Quellen der einzelnen Philosophen nur vermittelt, also aus zweiter oder dritter Hand, so sorgt die neuzeitliche Geschichtswissenschaft für den Zugang zu den Originaltexten., wobei auch interessiert, ob die Quelle echt ist und damit dem Philosophen zugeschreiben werden kann und in welcher Periode seines Schaffens sie entstand (Quellenkritik und Chronologie). Klar ist auch, dass der Autor jeweils ein Kind seiner Zeit ist, was auch später für den Rezipienten bzw. Geisteswissenschaftler gilt. Daher wird höchste Objektivität angestrebt, bleibt aber dennoch ein ideal. Auch subjektive „Interpretation“ kann mehr hineinlegen, als der Text eigentlich hergibt, so kommt es zu einem Ausweichen und zu nichtssagender Dialektik.[1]

Philosophiegeschichte ist aber gleichfalls selbst reine Philosophie und nicht wie Uneingeweihte gern behaupten historisch abgehakt. Hegel hat mit Recht darauf hingewiesen, dass sie keinen „ungeordneten Haufen von Meinungen“ darstellt. Blickt man tiefer in die Geschichte der Philosophie, so erkennt man sehr bald ein ehrliches und kontinuierliches Ringen um Wahrheit. Allerdings verfällt Hegel in ein anderes Extrem, indem er behauptet, sie sei ein „System der Entwicklung“, d. h. sie ist die allmählich fortschreitende Selbstoffenbarung des Geistes und der Wahrheit, alles folgt logisch aufeinander, aus dem Früheren folgt das vorausberechenbare Spätere, was vor allem die weltgeschichtlichen Persönlichkeiten könnten.

Philosophiegeschichte ist sicher ein Weg des Herauswachsens und Zu-sich-selbst-Finden des Geistes. Dieser Weg ist aber keinesfalls geradlinig und folgerichtig bestimmt. Es gibt immer wieder Umwege über Missverständnisse, Irrtümer und das Spiel des Zufalls bei der Suche nach Wahrheit. Oft war dies auch ein Ergebnis von Auseinandersetzungen der verschiedenen Schulen untereinander.

Wir sprengen durch die Kenntnis anderer Meinungen den engen Bereich persönlicher, zeitlicher und räumlicher Bedingtheiten, befreien uns von zahlreichen subjektiven Voraussetzungen und nähern uns Stück für Stück der Betrachtung der Wahrheit und dabei gibt es etwas Endloses und Zeitloses in der Philosophie. Ihre Probleme veralten nicht und wenn sie authentisch empfunden waren, so können sie immer wieder aktuell werden. Dieser Blick ist aber selten unmittelbar erfolgreich und führt zur „Sache selbst“. Wir brauchen aber die Ideengeschichte um unsere Begriffe kritisch zu prüfen, wobei die Philosophiegeschichte zu einer untermauerten Kritik der menschlichen Vernunft wird. Begriffe, Ideen, Hypothesen, Theorien und Probleme entwickeln ihr Wesen und Können im Lauf der Zeit. Dabei ist es wichtig, das Studium der Philosophiegeschichte nicht nur historisch zu verstehen, vielmehr gilt es die „aufwärtsschreitenden Momente gerade nur durch Emanzipation von der Geschichte“ herauszulösen, weil sie gerade auch aus der Unzufriedenheit mit der Geschichte entstanden sind.[2] Und so sagt schon Kant im Hintergrund der Beschäftigung mit der Philosophiegeschichte, dass man nur Philosophieren, aber nicht Philosophie lernen kann. [3]

Die Geschichte der Philosophie versetzt uns in die Lage, den eigentlichen Sinn und Wert unserer Denkmittel zu erfassen: Begriffe werden gereinigt, Probleme richtig gestellt, der Weg zu den Sachen selbst freigemacht.[4] Philosophiegeschichte ist daher die Pflege der Selbstbesinnung des Geistes mithilfe dessen, die philosophischen Probleme sachgemäß analysiert werden können. Darum werden wir immer die Vorgänger lesen und interpretieren, denn ihre Schwierigkeiten sind die unsrigen, wobei jeder Philosoph und seine Philosophie ein Anfang und ein Ende darstellt. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie macht uns selber zu Philosophen. Die Philosophie hat sich über die Jahrhunderte immer weiter in Spezialgebiete auf geteilt (Ethik, Wissenschaftstheorie, Existenzphilosophie usw.), sodass es für den einzelnen immer schwerer wird, einen gewissen Überblick zu bekommen bzw. zu gewahren. Es ist, im Kontext der Philosophiegeschichte, auch gut, den "Wald" zu überblicken und nicht nur den einzelnen "Baum".

Für denjenigen, der neu in die Philosophie einsteigt, ist eine Philosophiegeschichte unerlässlich. Sie wird von zahlreichen Autoren und Verlagen angeboten. Dabei ist das Inhaltsverzeichnis wie eine "Speisekarte" lesbar. Man sucht sich sein Menu, ganz nach Interessen und Vorlieben und vertieft dann nach Lust und Laune. Um über das Gelesene diskutieren zu können, bietet sich ein Kurs an der örtlichen Volkshochschule an.

 



[1] Vgl. Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. 2 Bde. Bd. I Altertum und Mittelalter. 14. Aufl. Freiburg im Breisgau 1991. S. 2.

[2] Vgl. Simmel, Georg: Über Geschichte der Philosophie. In ders.: Brücke und Tür. Hg. v. Michael Landmann. Stuttgart 1957. S. 37-42. S. 39.

[3]Das System aller philosophischen Erkenntnis ist nun Philosophie. Man muß sie objektiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurteilung aller Versuche zu philosophieren versteht, welche jede subjektive Philosophie zu beurteilen dienen soll, deren Gebäude oft so mannigfaltig und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie eine bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in concreto gegeben ist, welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entdeckt wird, und das bisher verfehlte Nachbild, so weit als es Menschen vergönnt ist, dem Urbilde gleich zu machen gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie lernen; denn, wo ist sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie sich erkennen? Man kann nur philosophieren lernen, d. i. das Talent der Vernunft in der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft, jene selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder zu verwerfen.“ Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft B 866-867.

[4] Vgl. Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie S. 5.

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